Schauspielmusik

Mit Theater in Berührung gekommen bin ich in Frankfurt am Main, damals die Mitbestimmungsmodellzeit. Habe dann als Musiker (Saxophon), direkt nach dem Abitur bei zwei Kindermärchenproduktionen des Schauspiel Frankfurts mitgemacht, dafür meinen Zivildienst verschoben, die zweite Produktion war im legedären TAT (Theater am Turm), mittlerweile abgerissen. Nachdem ich dann noch für viele andere Produktionen Musiken (ein-)gespielt und ein Musikstudium und erste Kompositionsversuche hinter mich gebracht hatte, ergab sich irgendwann der Wunsch und die Gelegenheit, meine erste eigene Schauspielmusik zu komponieren. Ich versuche beim Komponieren von Bühnenmusik , etwas zu machen das mich kompositorisch/inhaltlich interessiert und das gleichzeitig dem jeweiligen Stück in der jeweiligen Inszenierung einen neuen Aspekt hinzufügt.

Was ich versuche zu vermeiden, ist Illustration (im Sinne von Aufdoppelung, also, dass die Musik nochmal erzählt was schon auf anderen Ebenen erzählt wird) und das, was ein älterer Theatermusikkollege mal mit den Worten:"emotionales Gleitmittel" sehr treffend beschrieben hat. Ein anderer treffender Begriff wäre vielleicht: "manipulativer Geschmacksverstärker". Was damit gemeint ist, kann man sich im Fernsehen von der Soap bis zum Tatort anhören. Wenn man das tut, stellt man fest, das diese sog. "Musik" ihre Wirkung aus ihrer Konnotation bezieht, dass mit nur allzu bekannten Versatzstücken gearbeitet wird. Das könnte man freundlich als eine Art Kunsthandwerk bezeichnen (allerdings im Dienste einer üblen Sache, dem Fernsehen). Das Theater und mit ihm die Theatermusik hat meiner Meinung nach nur eine Zukunft, wenn es nicht versucht, das bessere(oder schlechtere) Fernsehen zu sein. Gegen die Suggestion und Manipulation des Fernsehens hat es keine Chance.

Die Stärken des Theaters liegen genau im Gegenteil, -die Autonomie des Zuschauers wird gestärkt, das Theater mit all seinen Parametern fügt sich erst in seinem Kopf zu einem Ganzen, nach seinem freien Willen. Das Gesage gilt natürlich eigentlich auch für die Medien Film und Hörspiel, denen dann das Adjektiv "experimentell" vorangestellt ist.

Es gibt den berühmten Satz von Hanns Eissler: "Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts." Nicht minder wichtig finde ich den Ausspruch Heinz von Foersters: "Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage."

Meine Schauspielmusiken entstehen so, dass mir der Regisseur das Stück zu lesen gibt, wir dann konzeptionelle Vorgespräche führen und ich in der Regel vor Probenbeginn weiss, was ich schreiben werde bzw. es schon geschrieben/ skizziert habe. Dieses Material erfährt im Probenprozess noch eine mehr oder weniger starke Transformation. Es gibt Stücke, in die ist Musik hineingeschrieben und solche, bei denen vom Autor zunächst keine Musik vorgesehen ist.

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Ausschnitt aus der Bühnenmusik:



In den "Physikern" von Dürrenmatt ist die Musik ein integraler Bestandteil. Grundlage für meine Bühnenmusik ist die "Kreuzersonate", die ich für mich analysiert habe und Stellen, die ich interessant fand, buchstäblich herausgeschnitten habe (aus der kopierten Partitur). Diese Stellen habe ich dann in einer Art "Übermalung" neu komponiert, teils durch sehr geringe Veränderungen, teils völlig entfernt vom ursprünglichen Material. Verdünnung durch Wiederholung war auch ein benuztes Verfahren. Die Resultate meiner Kompositionsarbeiten habe ich dann mit zwei befreundeten Musikern aufgenommen, wobei der Geiger kein professioneller Geiger ist, sondern, wie eben die Figur des "Einstein" im Stück, ein Amateurgeiger mit allem was dazugehört... Das zu Beginn des Abend zu hörende "Üben" einer "schwierigen Stelle" aus der "Kreuzersonate" ist also durchaus real.

(Es ist natürlich eine konzeptionelle Entscheidung gewesen, zu behaupten, dass die Figur "Einstein", so wie der echte Einstein wohl auch, ein eher mässiger Geiger war. Da dieses aber wohl auch Herrn Dürrenmatt bekannt gewesen sein dürfte, er seine Figur "Einstein" aber die hochvirtuose "Kreuzersonate" üben lässt (der ja wiederum eigentlich ein Agent ist, der vorgibt ein Verrückter zu sein, der sich für Einstein hält und das Geige spielen eigentlich hasst), dürfte dies wahrscheinlich im Sinne des Autors gewesen sein.)

Fragen zu meinem "Personalstil" oder welche Funktionen meine Musik in Stücken hat, müssen Dritte beantworten, -eben die oben bei Heinz von Foerster zitierten "Hörer" bzw. Rezipienten.

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